Ein Gastbeitrag von Fey: Die vaginale Keimflora

Ein Gastbeitrag von Fey: Die vaginale Keimflora

Die Keimflora der Vagina – ein Thema, das für die allermeisten Frauen*1 irgendwann in ihrem Leben (oft in negativer Weise) Thema ist.
Und doch erlebe ich immer wieder, dass es selten eine kollektive Wissensweitergabe und einen selbstbestimmten Erfahrungsaustausch unter Frauen* gibt, dafür aber noch immer ganz viel Tabu, Scham und Unsicherheit. Dabei ist das schade, weil Vulva und Vagina so faszinierende, kraftvolle und kraftspendende Organe sind. bzw. sein können und eine Vaginalflora im Gleichgewicht ganz viel zu unserem Wohlbefinden beiträgt. 


Im Rahmen meiner Hebammenausbildung hat eine meiner Lehrhebammen ein Referat zur vaginalen Keimflora angestoßen: „Die vaginale Keimflora – ein wichtiges Thema für uns als Hebammen, aber auch einfach für uns als Frauen!" Und so habe ich mit ganz viel Freude aus Fachliteratur und jahrelang gesammeltem Erfahrungswissen, eigenem und dem vieler anderer Frauen*, eine ausführliche Sammlung zum Thema zusammengestellt. Gemeinsam mit den Frauen von Kulmine entstand dann die Idee, diese Wissenssammlung für einen Blogbeitrag aufzubereiten und sie so noch vielen anderen Menschen zugänglich zu machen. Mir ist ganz wichtig, dass dieser Beitrag keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und ich mich über Ergänzungen, (vielleicht auch ganz andere) Erfahrungen und Austausch darüber freue.


„Ich widme (dieses Buch) mit Zärtlichkeit und Respekt der Vulva in ihrer Vollkommenheit."

— Alice Walker


Grundlagen
Beginnen möchte ich mit ein paar Basics, um verständlich zu machen, wie die vaginale Keimflora eigentlich funktioniert.
Die Wand der Vagina ist mit mehrschichtiger Schleimhaut ausgekleidet, die sich im Laufe des Menstruationszyklus verändert (das lässt sich natürlich nur bei Zyklen beobachten, die nicht beeinflusst sind, z.B. durch die Einnahme hormoneller Verhütungsmittel): Vor dem Eisprung, wenn das Ei heranreift, sorgt der steigende Spiegel des Hormons Östrogen dafür, dass die Schleimhaut sich höher aufbaut und durch Einlagerung von Glycogen zunehmend feuchter und elastischer wird. Nach dem Eisprung übernimmt das Hormon Progesteron die tragende Rolle und sorgt dafür, dass die nun hoch aufgebauten oberen Schleimhautschichten wieder abgestoßen werden. Aus dem jetzt zur Verfügung stehenden Glycogen können die in der Vagina vorkommenden Milchsäurebakterien (auch Döderlein-Stäbchen oder Lactobacillus vaginalis genannt) nun Milchsäure bilden.
Die Milchsäure ist für eine gesunde Vaginalflora ganz wichtig: Milchsäure unterstützt nämlich ganz maßgeblich ihr saures Milieu und dies schützt die Vagina und die inneren Geschlechtsorgane vor aufsteigenden Keimen und Infektionen (Mändle, Opitz-Kreuter 2007: 64). Dabei geht es immer um ein gesundes Gleichgewicht: Pilze z.B. kommen häufig ganz physiologisch, also einfach so und natürlich, in der Vagina vor – problematisch wird das erst, wenn sie überhand nehmen und die Milchsäurebakterien das Gleichgewicht nicht wieder herstellen können.


Wie kann es zu einem Ungleichgewicht kommen?
Grundsätzlich sind also -im unbeeinflussten Menstruationszyklus- Schwankungen, die die Empfindlichkeit von Vulva und Vagina betreffend ganz normal und physiologisch.
Das erstmal liebevoll anzunehmen, ohne die zyklusbedingten Unterschiede als krankhaft zu begreifen, kann schon ganz viel Entspannung bringen. Klingt erstmal gut – aber wieso gerät die Flora dann manchmal so aus dem Gleichgewicht, dass viele Frauen* mit Pilzen, bakteriellen Vaginosen, Blasenentzündungen und anderen fiesen Beschwerden wie Jucken, Brennen, Rötung oder Schmerzen beim Sex ohne Vorliegen einer nachweisbaren Infektion zu tun haben?

Im Folgenden findet ihr eine Reihe verschiedener Ideen für Ursachen dieser Beschwerden, wobei immer gilt, dass Gründe individuell und oft vielschichtig sind und jeder Körper anders reagiert.
So kann übertriebene und/oder falsche Intimhygiene die Flora arg reizen; dazu zählen z.B. zu häufiges Waschen, vielleicht auch noch mit Schleimhaut reizender Seife, die Nutzung von Intimdeos, Spülungen der Vagina ohne Indikation und nach dem Toilettengang von hinten nach vorn Wischen (Geist, Harder, Stiefel 2007: 127).
Auf Analsex folgende vaginale Penetration/Circlusion2  ohne vorherige Reinigung oder Kondomwechsel bringt coli-Bakterien aus dem Darm in die Vagina, die Infektionen hervorrufen können.
Kaum zu glauben, aber auch Sperma, besonders bei viel Kontakt innerhalb kurzer Zeit, kann die Vaginalflora ordentlich durcheinander bringen: Das Vaginalmilieu ist sauer, wohingegen Sperma alkalisch ist – meist kann die Flora dieses Gefälle super ausgleichen. Wenn ihr aber dafür bis zum nächsten Kontakt mit Sperma nicht genug Zeit bleibt, kann sie den pH-Wert unter Umständen nicht mehr ins Saure ausgleichen und gerät dann aus dem Gleichgewicht. 


Weitere Auslöser für ein Ungleichgewicht
Manche Frauen* reagieren empfindlich auf Synthetik-Unterwäsche, auch sehr enge Hosen können Reizung und das Wachstum unerwünschter Keime begünstigen (ebd.). Ähnlich ist es mit luftundurchlässigen Binden und Slipeinlagen, vor allem, wenn zusätzlich Duftstoffe enthalten sind.
Auch Tampons können die Vaginalschleimhaut reizen: In ihnen sind meist chemische Bleichmittel enthalten und manchmal bleiben sogar minimale Wattereste in der Vagina zurück.
Und nicht zuletzt nehmen Tampons eben nicht nur Blut, sondern auch die von der Vaginalschleimhaut produzierte Flüssigkeit mit auf und können so zu Trockenheit der Schleimhaut führen. 
Wer häufig mit Pilzinfektionen zu kämpfen hat, kann den eigenen Zuckerkonsum kritisch hinterfragen – denn Zucker begünstigt die Entstehung und Vermehrung von Pilzen (ebd.).
Auch (Schwangerschafts-) Verhütung kann so eine Sache sein: Hormonelle Verhütung kann durch das Stilllegen des Menstruationszyklus über die Zugabe körperfremder Hormone zu Östrogenmangel führen – in der Folge kann das die Schleimhäute dünn und anfällig machen.
Chemische Verhütungsgele und -zäpfchen sind ziemlich aus der Mode geraten, aber auch die können die Schleimhaut reizen und die Flora angreifen. Bei einigen Menschen löst außerdem die Beschichtung mancher Kondome Reizungen aus.
Nicht zuletzt kann die Einnahme von Antibiotika die Vaginalflora ordentlich zerschießen – deswegen empfiehlt sich der Einsatz von Milchsäure oder Milchsäurebakterien entweder schon parallel zur Einnahme, mindestens aber nach Abschluss der Behandlung, um die Flora zu stärken oder wieder aufzubauen.

Die Gesundheit der Flora kann auch ganz maßgeblich durch psychosoziale Aspekte beeinflusst sein (Northrup 2001: 265 ff.). Hier können sich (exemplarisch genannt) Stress, emotionale Belastung, negatives Empfinden der eigenen Weiblichkeit oder (sexuelle) Traumata auswirken. Christiane Northrup beschreibt in ihrem Buch „Frauenkörper, Frauenweisheit" einen Zusammenhang zwischen Erkrankungen von Vulva und Vagina und Verletzungen in der Zweierbeziehung oder im Beruf (Northrup 2001: 265) und schlägt als mögliche Themen hinter der Symptomatik unbewusste/ unterdrückte Wut, Ängste, Verletzung durch Zurückweisung und die Instrumentalisierung von Sex vor.
Hier funktionieren Probleme mit der vaginalen Flora dann als wirksamer „Keuschheitsgürtel", als Selbstschutz (ebd. 267). 

Anknüpfend an all diese möglichen Gründe und Erklärungsideen findest du im folgenden Abschnitt einen Ideenkoffer, wie du die vaginale Keimflora bei Bedarf unterstützen kannst und welche Alternativen es zu gängigen Vorgehensweisen und Produkten gibt.


Ideenkoffer für eine Flora im Gleichgewicht

  • Milchsäure (-bakterien), v.a. nach Antibiotika- oder Pilzbehandlung mit Antimykotika (Kadefungin oder Canesten sind bekannte Produkte).  Milchsäure dient der Aufrechterhaltung der bestehenden Flora, Milchsäurebakterien dienen dem Aufbau der Keimflora. 
  • Umstellung auf Baumwollunterwäsche.
  • Wenn Slipeinlagen benutzt werden, dann luftdurchlässige, ohne Duftstoffe, ggf. Stoffslipeinlagen nutzen. 
  • Menstruationshygiene: Stoffbinden nutzen, ggf. Tampons gegen Menstruationstasse oder Schwämmchen austauschen. 
  • Bei hormoneller Verhütung ggf. einen Präparatwechsel oder das Absetzen erwägen; bei Östrogenmangel kann nach dem Absetzen übergangsweise eine lokal aufgetragene Östrogensalbe helfen, wenn die Beschwerden stark sind.
  • Bei zyklusbedingter Trockenheit der Schleimhäute kann (verträgliches) Gleitgel beim Sex benutzt werden – am besten mit möglichst wenigen und natürlichen Inhaltsstoffen. Manchen scheint bei Empfindlichkeit Öl zu helfen, auch als Gleitmittel beim Sex (entgegen der häufigen Aussage, Gel sei Öl vorzuziehen und letzteres habe in der Vagina nichts zu suchen) – hier gilt einfach ausprobieren. Achtung, Öl greift Kondome an, da braucht es dann natürlich eine Alternative. Falls du Sperma nicht gut verträgst, benutzt Kondome. Dabei auf Verträglichkeit der Beschichtung und korrekte Größe achten! Alternativ kann Coitus interruptus eine Möglichkeit sein. 
  • Trotz verbesserter Aufarbeitung von recyceltem Toilettenpapier, können Unverträglichkeiten dagegen möglich sein. Dann ist nicht recyceltes und ungebleichtes Papier möglicherweise eine sinnvolle Alternative. 
  • Bei Verhütung mit Diaphragma Milchsäure- oder Zitronensäuregel (Bezug z.B. online über die Zietenapotheke) statt chemische Produkte nutzen.
  • Eine unvollständige Auswahl bewährter lindernder Gele: Multigyn Actigel, bei bakterieller Vaginose, zur Vorbeugung von Blasenentzündung nach dem Sex, als Pflege, Gynomunal Vaginalgel, zur Befeuchtung, Majorana Vaginalgel, bei Pilzinfektionen, wärmend, ausgleichend.
  • Manche machen auch die Erfahrung, dass ein zu niedriger Vitamin D – Spiegel (nicht nur) die Flora schwächt; es kann sich also lohnen, Vitamin D testen zu lassen und einen eventuellen Mangel auszugleichen. Entsprechend Magnesium dazu nehmen, damit die Einnahme sinnvoll ist, denn die Einnahme von Vitamin D erhöht den Bedarf an Magnesium, das es braucht, damit Vitamin D vom Körper aufgeschlüsselt werden kann. 
  • Chlamydien können eine tieferliegende Ursache für die Probleme sein – bei Frauen* unter 25 wird der Test sogar komplett von der Krankenkasse übernommen. 
  • Alle Schilddrüsenwerte von einem*einer kompetenten Ärzt*in überprüfen lassen – die Schilddrüse kann unheimlich großen Einfluss auf das Wohlbefinden haben. 
  • Zyklische Veränderungen der Flora und ggf. Empfindlichkeiten wahrnehmen und schauen, was wann gut tut.
  • Mögliche psychosomatische Ursachen checken: Will ich mir jemanden vom Leib halten? Bin ich verletzt, wund, dünnhäutig? Bin ich im Reinen mit meiner Körperlichkeit? → Mögliche Themen hinter den Beschwerden wahrnehmen, zeitliche Zusammenhänge beobachten → Vulva und Vagina liebevolle Zuwendung schenken: Bei Beschwerden kann das Verhältnis zum eigenen Körper ganz schön leiden, was wiederum für die Heilung nicht förderlich ist. 


Fazit
Bei all dem gilt immer: Ausprobieren, was gut tut; wir alle sind individuell, und was einer Person hilft, funktioniert bei der nächsten Person nicht.
Und mancher Ansatz (Stichwort Northrup) muss nicht für alle stimmig sein und ist durchaus diskutabel. Bei all den Tricks und Mittelchen ist außerdem ganz wichtig im Blick zu behalten, dass zu viel auch nicht gut tut und darauf zu achten, sich nicht zu abhängig von Hilfsmitteln wie z.B. Gelen zu machen. 

Wenn tiefere Ursachen abgeklärt sind, können sich Vulva und Vagina mit etwas Geduld selbst regenerieren und darauf dürfen wir auch vertrauen.



Fußnoten
1 Das Sternchen hinter der Geschlechtszuschreibung Frau beschreibt, dass nicht alle Frauen eine Vagina haben und nicht alle Menschen mit Vagina sich als Frau identifizieren. Es soll aber keiner, die sich voll als Frau versteht, ihr Frau-Sein absprechen.
2 Als Alternative zum Passivität suggerierenden Begriff der Penetration schlägt Bini Adamzcak den Begriff der Circlusion (im Sinne von Umschließen) vor: https://www.akweb.de/ak_s/ak614/04.htm

Quellen
Geist, Christine; Harder, Ulrike; Stiefel, Andrea: 2007: Hebammenkunde. Lehrbuch für Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Beruf, 4. aktual. Auflage, Hippokrates Verlag, Stuttgart.
Mändle, Christine; Opitz-Kreuter, Sonja: 2007: Das Hebammenbuch. Lehrbuch der praktischen Geburtshilfe, 5. Auflage, Schattauer, Stuttgart.
Northrup, Christiane: 2001: Frauenkörper Frauenweisheit. Wie Frauen ihre ursprüngliche Fähigkeit zur Selbstheilung wiederentdecken können, 5. Auflage, Verlag Zabert Sandmann, München.
… und viele, viele Threads im nfp-forum.de (Unterforum Gesundheitsecke), belebt von vielen klugen Herzen und Köpfen, außerdem Austausch mit anderen Frauen* und darüber gesammeltes (Selbst-)Erfahrungswissen

Disclaimer
Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass diese Seite keinen Besuch bei einem Arzt oder Ärztin, ersetzt und auch keine Therapieempfehlungen ausspricht.

Foto und Illustration: Mela Kühnlein · melamint.net
Levantiner Schwämmchen – wieso, weshalb, warum?
Leseempfehlung: Ein Artikel rund um Menstruationsm...
 

Kommentare 2

Gäste - Anne am Sonntag, 30. Juli 2017 10:56

So viel wissenswertes in einem sehr ansprechenden und spannenden Text verpackt! Daumen hoch - vor allem das mit dem recyceltem Klopapier hat mich aufhorchen lassen. Und das Bild oben - hat sich mir erst nach dem zweiten Blick erschlossen, was es da alles zu sehen gibt, voll schön:-)

So viel wissenswertes in einem sehr ansprechenden und spannenden Text verpackt! Daumen hoch - vor allem das mit dem recyceltem Klopapier hat mich aufhorchen lassen. Und das Bild oben - hat sich mir erst nach dem zweiten Blick erschlossen, was es da alles zu sehen gibt, voll schön:-)
Gäste - Francesca am Dienstag, 01. August 2017 08:59

Das Wort Circlusion war mir neu. Ein sehr angenehmer Denkanstoß :-)

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