Eine Geschichte aus Athen

​Es war einmal vor langer langer Zeit – vier Jahrhunderte bevor unsere Zeitrechnungen überhaupt begann – in der griechischen Stadt Athen.
Dort lebten, arme Menschen und reiche Menschen. In einer dieser reichen Familien wurde ein Kind geboren. Ein Mädchen namens Agnodice.
Agnodice wuchs zu einer Frau mit einem wachen Verstand auf. Und wie sie durch die Welt schaute, sah sie viel Leid – vor allem bei Frauen.
Frauen litten an versteckten Krankheiten und sie litten während der Schwangerschaft, sie litten während der Geburt und sie litten nach der Geburt. Sie litten nicht nur, sie starben – und das in erschreckend großen Zahlen. Oft starben die Kinder gleich mit, während der Geburt oder kurz danach.

Es hatte eine Zeit gegeben, da hätte Agnodice etwas tun können.

​Zur Zeit als Hippocrates noch lebte und arbeite, konnten Frauen die besondere Kunst der Gynäkologie lernen. Sie konnten heilen und sie konnten Ärztin und Hebammen werden. Doch nachdem er gestorben war, entdeckten die führenden Männer Athens, dass diese wissenden Frauen auch Abtreibungen durchführten und weil ihnen nicht gefiel, dass Frauen die Macht über den Nachwuchs von Männern hatten, bannten sie diese Frauen und machten ihren Beruf, ihre Berufung, zu einem Verbrechen.
Das war damals und seitdem hatte es keine Frauen mehr gegeben, die diese Künste offiziell lernen durften. Agnodice aber war klug und so fiel es ihr nicht schwer, eine Lösung zu finden.
Denn sie war tief entschlossen, das Leiden der Frauen zu mindern. Sie würde Ärztin werden und sie würde den Frauen Athens helfen. Sie schnitt sich ihr langes Haar ab und sie zog sich Männerkleidung an, um das Studium der Medizin aufzunehmen.
Eine Freundin, zeitlich passend erkrankt, wurde eine Ausrede, um ihre nun kommende Abwesenheit für ihre Familie zu erklären. Und so kam es, dass Agnodice ihre Heimat verließ und nach Ägypten reiste, wo Frauen eine wichtige Rolle in der Medizin spielten. Weil sie Zuhause aber als Mann arbeiten würde, trug sie weiter ihre Verkleidung und lernte als Mann zu leben.
In Alexandria studierte sie von dem großen Herophiles, der ihr die Anatomie der Menschen nahe brachte. Und als die Zeit gekommen war, und sie ihre Qualifikationen erreicht hatte, ging sie zurück nach Athen, um den Frauen in ihrer Heimatstadt zu helfen. So konnte sie endlich das quälende Gefühl in ihrem Herzen besänftigen – endlich half sie Frauen, endlich rettete sie Frauen – und die Kinder dazu.
Das hatte sie zumindest gedacht. Es kam aber ganz anders – niemand wollte ihre Dienste in Anspruch nehmen, weil sie ein Mann war. Eines Tages ging Agnodice durch die Straßen und hörte die verzweifelten Schreie einer Frau, die vollkommen durchdrungen von Geburtsschmerzen war. Sie wollte ihr helfen, so sehr wollte sie ihr helfen. Doch auch diese Frau weigerte sich, die Hilfe eines Mannes anzunehmen. So tief war die Scham, die ihr seit Kindes an eingeimpft worden war, zu tief das Gefühl, dass dieser Schmerz ein Frauenschmerz war und kein Mann helfen konnte, ja, dies gar nicht durfte.

Sie verdiente die Hilfe, die sie brauchte.

​Agnodice blickte die verschwitzte und angestrengte Frau an. So große Schmerzen hatte sie und doch war sie so stark in ihrer Meinung. Sie verdiente die Hilfe, die sie brauchte.
Und mit diesen Gedanken enthüllte Agnodice sich und zeigte sich der Gebärenden als Frau. Diese verstand sofort und erlaubte die Hilfe – erfolgreich. Mutter und Kind ging es nach der Geburt gut.
Erschöpft aber zufrieden lagen sie auf ihrem Lager, während Agnodice sich tief in Gedanken versunken auf den Weg nach draußen machte. Es war ein gutes Gefühl gewesen, ihr Wissen endlich anzuwenden. Aber würde sie jedes Mal erst ihr Geschlecht zeigen müssen, damit sie helfen durfte?
Doch dieses Problem löste sich von alleine – die Kommunikationswege der Frauen waren schnell und effizient. Und bald konnte sich Agnodice nicht mehr retten vor Anfragen – nicht nur für Geburten, sondern für andere Krankheiten der Frauen. Ihr vertrauten die Frauen, weil sie eine Frau war. Und je erfolgreicher sie wurde, desto weniger wurden die anderen Ärzte der Stadt angefragt. Zu groß war die Erinnerung, an die Schmerzen und die Scham, die sie mit sich brachten, die Herablassung, mit denen sie behandelten.

​Der Neid der Männer

​Die Ärzte aber wurden neidisch auf den Erfolg des neuen Arztes und statt darüber nachzudenken, dass der Grund in ihren eigenen Unfähigkeiten liegen könnte, beschuldigten sie Agnodice, dass sie die Frauen verführte und die Frauen selbst ihre Krankheiten vortäuschten, um in die große Liebeskunst des jungen Arztes eingeführt zu werden.
Agnodice kam vor Gericht – angeklagt von eifersüchtigen Ehemännern und neidischen Ärzten.
Anklage: Die Verführung der Frauen Athens. Doch wie die Männer sie beschuldigten, schaute Agnodice sich ruhig um, hob ihre Tunika an, wie sie es damals bei der ersten Frau tat, der sie half – und zeigte ihr Geschlecht.
„Ich verführe eure Frauen nicht – ich bin selbst eine Frau." Es war wichtig, dass sie die Richter davon überzeugte, dass sie nicht die Frauen verführte. Ihr Leben stand auf dem Spiel – und tatsächlich schaffte sie es, die Richter von ihrer Unschuld zu überzeugen. Die geifernden Männer aber versuchten nun, sie zu verklagen, weil sie zuwieder den Gesetzen gehandelt hätte, mit ihrem verbotenen Studium und noch der noch verboteneren Arbeit.
Doch bevor die Richter auch nur zu einem Ergebnis kommen konnten, stürmten die Frauen Athens den Ort der Gerichtssitzung. Sie priesen ihre Arbeit als Ärztin und beschimpften ihre Ehemänner für den Versuch Agnodice hinrichten zu lassen.
"Wollt ihr tote Frauen und Kinder haben? Oder wollt ihr lebende Frauen und Kinder?"
Nach einem kurzen Austausch der Männer und Frauen wurde Agnodice entlassen. Das war aber nicht das einzige, was passierte. Endlich wurden wieder die Gesetze geändert und nun war es Frauen in Athen erlaubt, sich von Ärztinnen behandeln zu lassen, Frauen konnten wieder als Ärztinnen tätig sein und auch Hebammen waren wieder erlaubt. 


Die Nacherzählung basiert frei auf dem englischen Wikipedia-Artikel zu Agnodice und erhebt keinen Anspruch auf historische Korrektheit.   


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