Frauen – Körper – Normen

„Körper“ und „Schönheit“ sind Schlagworte unserer Zeit. Viel wird über sie geredet und oft werden sie dabei als Synonyme füreinander gesetzt. Kaum ein Magazin, kaum eine Zeitung, Zeitschrift oder Talkshow, die sich nicht äußert zu Fitness, Diäten, Schönheitsoperationen. Models, Modedesigner, Schönheitschirurgen sind zu Ikonen geworden in einer Zeit, in der der Schein mehr zu zählen scheint als das Sein. Was ist von diesem Kult um den Körper zu halten?
Inhaltsverzeichnis

Aus der Reihe: Ausgewählte Artikel der clio im Kulmine Magazin.

Die Zeitschrift clio steht für „die Verknüpfung von Wissen und Erfahrungen aus 40 Jahren Arbeit des Feministischen Frauen Gesundheits Zentrums“. Wir möchten die Vorarbeit, die die clio in den verschiedenen Bereichen der Frauenbewegung und Frauengesundheit geleistet hat und immer noch leistet, mit dieser Beitragsreihe honorieren. Wir fühlen uns geehrt, ausgewählte Artikel älterer Ausgaben, der ansonsten nur in gedruckter Form erscheinenden Zeitschrift, hier bei uns online stellen zu können. Alle Artikel dieser Beitragsreihe im Kulmine Magazin findest du unter clio-Redaktion und im Kulmine Onlineshop sind die aktuellen Ausgaben der clio erhältlich.

Weibliches Körpererleben im historischen Kontext

„Körper“ und „Schönheit“ sind Schlagworte unserer Zeit. Viel wird über sie geredet und oft werden sie dabei als Synonyme füreinander gesetzt. Kaum ein Magazin, kaum eine Zeitung, Zeitschrift oder Talkshow, die sich nicht äußert zu Fitness, Diäten, Schönheitsoperationen. Models, Modedesigner, Schönheitschirurgen sind zu Ikonen geworden in einer Zeit, in der der Schein mehr zu zählen scheint als das Sein. Was ist von diesem Kult um den Körper zu halten? Ermöglicht das Sichtbarmachen und Sprechen darüber eine offene(re) Beschäftigung mit dem eigenen Körper und Körperlichkeit? Was bewirkt die permanente öffentliche Inszenierung von Frauenkörpern bei den KonsumentInnen all dieser Medien? Betreffen diese Inszenierungen Frauen in einer anderen Weise als Männer? Ist diese Öffentlichmachung eine Chance für Frauen, Körper (und Schönheit) für sich zu thematisieren, für sich zu definieren und selbst zu besetzen? Fragen über Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.

Die Geburt des modernen Körpers vollzog sich im 16. Jahrhundert. Davor wurden Körper-Seele-Geist als eine Einheit wahrgenommen, nämlich als Leib. Während der Leib bis dahin ein Gebilde war, das Menschen spirituell und mystisch als „das Ganze“ verstanden – das eigentliche Ich, die Person – besaß man nun einen Körper. Der Körper entwickelte sich zum Objekt, das von Medizin und Biologie erforscht wird. Er kristallisierte sich als anatomisches Konstrukt heraus – ein Vorgang der Versachlichung – bis hin zu der heutigen Auffassung des Körpers als biochemische Maschine. Ich (Subjekt) und Körper (Objekt) entfernten sich bis zur völligen Abspaltung voneinander, der Mensch wurde zu einer Ansammlung von Organen und deren Funktionen reduziert.

Skizze einer nackten Frau mit normalem Bauch

Während der Körper der mittelalterlichen Medizin ein Gebilde aus Säften und menschliche Eigenschaften war, wird der Körper heute als großes mechanistisches Konstrukt, als extrem komplizierte Maschine gesehen. 

Das mechanistische Verständnis von Körper ist seither über die Medizin, Biologie und Psychologie (Sigmund Freud sprach von dem psychischen Apparat in uns), in unsere alltägliche Wahrnehmung eingegangen.

„Die Erklärungsversuche menschlicher Phänomene haben den methodischen Charakter einer Wissenschaft, deren Sachgebiet gar nicht der Mensch ist, sondern die Mechanik.“

M. Heidegger, aus: Zollikoner Seminare, Frankf./M., Klostermann 1987

So ist beispielsweise der Fötus nicht mehr die Frucht des Leibes einer schwangeren Frau, sondern eine eigenständige (Rechts-) Person, dessen Rechte der Staat im Zweifelsfall gegen die Frau vertritt. Ihn gilt es aber auch zu durchleuchten und sichtbar zu machen. Damit wird die Einheit von schwangerer Frau und Fötus aufgehoben. Durch die Entwicklung der pränatalen Diagnostik, durch die bestimmte Behinderungen des Fötus erkannt werden können, werden Frauen zunehmend in die Pflicht genommen, der Gesellschaft intakte Kinder zu gebären.

Repräsentierte der Körper früher eine grundsätzliche Grenze, die nicht überschritten werden durfte, ist diese in der heutigen Medizin längst verschwunden. Der Körper unterliegt einer generellen Verfügbarkeit. Dies zeigt sich deutlich in der Idee der Transplantationsmedizin, die sich an dem Zitat eines Transplantationsmediziners ablesen läßt: „Was wertvoll für eine Gesellschaft ist, gebe ich nach meinem Tod an sie zurück.“ (FR, 17.8.1996) Oder vielleicht schon vor der Geburt, wenn wir die zunehmende Nutzung von fetalen Zellen mit bedenken?

Der Körper ist in allen seinen Teilen, äußerlich wie innerlich, sichtbar und damit verfügbar gemacht worden. In wachsendem Maße ist er in seinen Teilen austauschbar und entwickelte sich zum Objekt sozialer Verfügbarkeit und fremder Ansprüche. Er wird als Ressource von Organen für andere verstanden und gehandhabt. Doch nicht nur in der Transplantationsmedizin wird der Körper zum Objekt der Medizin. Gerade Frauenkörper sind Ansatzpunkte für vielerlei Normierungen und Manipulationen. Dadurch sind Frauen besonders gefordert, Entscheidungen zu treffen und Grenzen zu setzen.

Die weitere Entwicklung: Körper in der virtuellen Welt

Die Entwicklung betrachtend läßt sich festhalten, daß der Körper im historischen Prozess seiner Definition zur Projektionsfläche seines Umfeldes wurde. Verliert er zukünftig vielleicht jegliche Kontur? Im Zeitalter der Computertechnologien setzt sich zunehmend der Gedanke durch, auf den realen Körper verzichten zu können. Der simulierte Körper in der virtuellen Welt ist im Vormarsch. Verlieren wir mit dem Verschwinden des Leibes nach und nach auch die Fähigkeit zu leibhaftigen Empfindungen und Wahrnehmungen? „In der Welt, in der ich lebe, trauere ich der verlorengegangenen Leibhaftigkeit von Gefühlen nach“ schreibt die Soziologin Annegret Fründ (FR, 17.8.1996).

Mit der Geburt des modernen Körpers ist die Grundlage geschaffen für die heutige Überbetonung des Körpers. Dies ist eine neuere Erscheinung und eng verknüpft mit der Allgegenwärtigkeit visueller Medien. Scheinbar Widersprüchliches steht nebeneinander: Während der Körper überbetont wird, verschwindet er gleichzeitig in virtuellen Sphären, indem er sich als reales Gebilde auflöst.

Wenn wir einen Blick zurückwerfen, stellen wir fest, wie sehr sich die Darstellung und Sichtweise von Körperlichkeit alleine in den letzten dreißig Jahren verändert hat. Noch Anfang der 60er Jahre erregte die damalige Jugendzeitschrift Twen allgemeine Empörung, da sie auf einem Titelbild eine Schwangere abgebildet hatte, bekleidet wohlgemerkt. Das galt damals als Verunglimpfung von Schwangeren und als unfein. In den 90ern nimmt kaum jemand mehr Anstoß daran, daß Vanity Fair die hochschwangere Demi Moore – nackt – auf einem Titel zeigt.

Einen großen Anteil am Kampf um Enttabuisierung vieler – intimer – Themen haben sicherlich die 68er und die neue Frauenbewegung. Sie politisierten das scheinbar Private und brachten Themen in die öffentliche Debatte wie Sexualität, (ungewollte) Schwangerschaft und Abtreibung und gaben damit auch der Auseinandersetzung um Körper und seiner politischen Dimension eine Plattform. Nicht zuletzt durch die Gesundheits- und Ökologiebewegung entstand eine neue Körperkultur, die sich mit alternativen Heilverfahren, Körperarbeit und Körpertherapien, anderen Bewegungsformen und Sportarten viele AnhängerInnen schaffte. Damals nahm auch die heutige Frauengesundheitsbewegung ihren Anfang, indem sie Körperlichkeit in einen feministischen Kontext stellte und aktive Formen des Umgangs mit Körper entwickelte.

Verschiebung von Tabus rund um den Körper

Wie sieht es mit dem heutigen Umgang mit Körper aus? Verweist die Hervorhebung des Körpers tatsächlich auf mehr Sinnlichkeit, ein positives Körpergefühl, eine Auseinandersetzung mit Körper und auf eine Enttabuisierung im Sinne größerer Befreitheit? Oder sind wir konfrontiert mit einem neuen Körperkult, der durch Riten und Normen einem wirklichen Körperempfinden entgegenwirkt? Auf letzteres verweist der weitverbreitete Umgang mit Körper und Körperlichkeit. Wir erleben zwar eine Liberalisierung und damit scheinbare Enttabuisierung, doch brachte das die zwiespältige Entwicklung mit sich, daß dadurch Körper auch verfügbarer wurden und sich neue Tabus bilden.

Denn vielen geht es nicht um ein Kennenlernen und um eine Beschäftigung mit dem eigenen Körper. Vorrangig wird das Ziel angestrebt, wie kann ich ihm ein junges und straffes Aussehen verleihen bzw. es behalten, um damit neue Normen einzuhalten. Kennenlernen des Körpers kann für manche nur unter dem Aspekt interessant sein, um ihn besser kontrollieren zu können, nicht, um intensiver zu empfinden. Nur wenigen gelingt es, eine Beziehung zu ihrem Körper als Teil von sich zu haben, als Bewohnen des Körpers, ein sich Wohlfühlen in ihm. Der Körper wird eindimensional und plakativ wahrgenommen, nicht dreidimensional und als Teil des Selbst. Er wird zum gestaltbaren Äußeren.

Kontrolle und Schönheitsideale

KritikerInnen des Körperkultes, neudeutsch Bodyismus genannt, interpretieren ihn als Rückzug ins Private, der Körper als einziges Medium in dieser Welt, den ich noch selbst gestalten kann. Dieses Gestalten vermittelt mir das Gefühl von Selbstbestimmung und Kontrolle, das andernorts verlorengegangen ist.

Inwiefern sind Frauen von dieser Entwicklung besonders betroffen? Was bedeutet es für sie, daß ihnen allerorten (normierte) Körper, und sicherlich sind es zu 90% Frauenkörper, entgegenblicken? Was bedeutet dies für Frauen bzgl. ihres Verhältnisses zum Körper und dessen Wahrnehmung?

Frauen werden, im Gegensatz zu Männern, über ihren Körper wahrgenommen. Während Männer auch einen Körper haben, sind Frauen Körper. Zunehmend werden zwar auch Männer von der Kosmetik- und Zeitschriftenindustrie anvisiert, sich mehr mit ihrem Äußeren zu beschäftigen – schließlich sind sie ein gewichtiger ökonomischer Faktor – trotzdem werden Frauen weiterhin viel stärker über ihren Körper, dessen Formen und Größe definiert und bewertet. Es gehört zur alltäglichen Erfahrung jeder Frau, daß sie nicht als Person gesehen, sondern ihr Körper von Männern begutachtet und bewertet wird. Diese Bewertungen von einem männlichen Gegenüber sind von Frauen so stark verinnerlicht, daß der eigene Blick von Frauen der fremde männliche Blick von außen geworden ist. Als Ergebnis davon sind es Frauen nicht gewohnt, sich mit ihrem Körper eins zu fühlen, ihn zu bewohnen, sondern ihn nach gängigen männlichen Kriterien von außen zu begutachten (be-schlechtachten wäre wohl manchmal treffender). Viele Frauen zerlegen ihren Körper in immer kleinere Einzelteile, die sie an gängigen Schönheitsidealen messen. Was liegt dann näher als der Wunsch, nicht geliebte Teile ersetzen und „verschönern“ zu wollen?

Schönheit und Kompetenz

In unserer Gesellschaft dominiert die Vorstellung (für Männer im geringeren Maße als für Frauen), mit dem richtigen Körper sei alles machbar. Andersherum bedeutet dies: ohne den „richtigen“ Körper ist vieles nicht erreichbar. Frauen erleben häufig Situationen, in denen sie, obwohl es um inhaltliche, berufliche, politische Dinge geht, zu denen sie sich äußern, nach ihrem Körper und Erscheinungsbild beurteilt werden. Heutzutage sollen Frauen eben nicht nur klug, sondern auch noch schön sein.

Die Identität von Frauen, die grundsätzlich unter dem Druck stehen, das „schöne“ Geschlecht zu sein, baut stärker als die von Männern auf ihrem Körper auf. Da Körper sich im Lauf der Jahre verändern, sind Frauen in einem besonderen Maße in einer Gesellschaft, die Jugendlichkeit und Glattheit über alles stellt, dazu gezwungen, sich immer wieder aufs neue mit ihrer Identität auseinanderzusetzen.

Entfremdung vom Körper als Wirtschaftsfaktor

In einer Gesellschaft, die soviel Wert auf Schein legt, verwundert es nicht, daß Millionen Frauen – oft vergeblich – einem Schlankheits- und Schönheitsideal nacheifern. Industrie und Medizin schöpfen aus diesem „Unvermögen“ und machen damit Millionenumsätze.

Frauenkörper sind Objekte vieler Begierden: In der Transplantationsmedizin als „Entstehungsort“ fetaler Zellen, in der Reproduktionsmedizin als Ort invasiver Forschung, in der Schönheitschirurgie, in der ca. 80% der Eingriffe an Frauen vorgenommen werden, und deren Zahl sich alleine in den Jahren von 1985 bis 1990 verdoppelte, in der Gynäkologie als Ort, der Frauen als potentiell krank und behandlungsbedürftig ansieht. Beispiele hierfür sind operative Eingriffe und Entfernungen von Körperteilen wie Gebärmutter, Eierstöcke oder hormonelle Beeinflussungen, um neue Realitäten zu suggerieren wie in und nach den Wechseljahren, bei menstruellen „Unregelmäßigkeiten“, schmerzhaften Blutungen, zu viel Behaarung oder unreiner Haut. Die Gynäkologie, die sich exzessiv mit Frauenkörper beschäftigt, ist beispielhaft für den Verlust von Leibhaftigkeit.

Die tragische Ironie liegt darin, daß zu einem großen Teil gesunde Frauen sich an die Gynäkologie wenden in der Angst vor drohender Erkrankung der weiblichen (!) Organe, die ihnen die Medizin suggeriert. Ein Beispiel ist der Versuch, die Mädchengynäkologie zu installieren, in der es angeblich um Sexualaufklärung und das Verhältnis zum Körper geht; schematisierte anatomische Darstellungen von Frauen-Körpern, standardisierte Definitionen von Menstruationszyklen, Hormonwerten, Behaarung, Schwangerschaft, Geburt, Wechseljahren. In dieser Aufzählung fällt auf, daß sich die Gynäkologie eben nicht nur um Diagnose und Behandlungen von Krankheiten und Beschwerden kümmert, sondern sich der ziemlich grundsätzlichen Erfassung von weiblichen Lebensphasen, körperlichen Entwicklungen und Abläufen widmet und sie so vereinnahmt. Frauen wird vermittelt, daß sie allein durch ihr Frausein, ihre Körperlichkeit gefährdet seien und sich Experten anvertrauen sollten. Teilweise spielt die Gynäkologie eine ähnliche Rolle wie die Schönheitschirurgie. Sie behandelt nämlich nicht nur ein gestörtes Geschehen im Körperinnern, sondern auch die Oberfläche, die Erscheinung, die Präsentation des Körpers.

Ich will hier nicht auf die Sinnhaftigkeit von regelmäßigen gynäkologischen Check ups eingehen, mir ist es wichtig herauszustellen, inwieweit die Medizin, insbesondere die Gynäkologie, durch ihre Normierungen und Bewertungen Frauen den Zugang zu und das Wohlfühlen in ihrem Körper erschwert.

Die Wahrnehmung des eigenen Körpers, das Verhältnis zu ihm, das Leben in und mit ihm ist natürlich auch durch die eigene Biographie geprägt, durch kulturelle, religiöse und gesellschaftliche Faktoren.

Gestörte Beziehung zum eigenen Körper

Wie gestaltet sich nun die Beziehung von Frauen zu ihrem Körper, ihr Verständnis von ihm in einem Raum, der einerseits so viele Vorgaben macht, andererseits eine große Leere bietet, wo er positive Orientierungen geben könnte?

Trotz der ständigen öffentlichen Darstellung von Frauen-Körpern sind Wissen und Informationen rund um Frauenkörper für die meisten nach wie vor reduziert oder nicht zugänglich. Noch immer wird nicht wirklich über Frauen-Körper gesprochen, schon gar nicht darüber, was ihn zum Frauen-Körper macht. Noch immer sind die weiblichen Geschlechtsorgane schambesetzt: Schamlippen, Schambein, Schamhaar, Schamnerv. Noch immer ist es für viele Frauen ein Tabu, sich selbst zu berühren, sich zu erkunden, sich den Vulvabereich mit Spiegel, die Vagina mit Hilfe eines Spekulums anzusehen. Frauenkörper scheinen noch immer anderen, Männern, vorbehalten.

Viele Frauen empfinden ihren Körper mit seinen Gerüchen und Aussonderungen als schmutzig, ihre Venuslippen als eklig oder abstoßend, ihre Brüste als unangenehm, als Orte potentieller Krankheit und als nicht zu ihnen gehörende Sexualattribute. Wenig hilfreich sind da ärztliche Aufforderungen an Frauen, die auch Frauenzeitschriften unterstützen, nämlich regelmäßig ihre Brüste zu untersuchen. Wie es das Wort schon ausdrückt, geht es nicht um eine sinnliche Körpererfahrung, sondern erst im Kontext mit Krankheit wird Frauen offiziell die Erlaubnis gegeben, sich anzufassen. 

Ihre eigenen Brüste bleiben vielen Frauen auch über die Jahre fremd. Viele berühren sie rein funktional, da die Selbstuntersuchung in der Medizin propagiert wird, weil dadurch noch immer Knoten zu einem früheren Zeitpunkt entdeckt werden, als es in der Regel mit schulmedizinischen Methoden wie der Mammographie passiert. Doch viele wissen nicht genau, was es da zu tasten gibt und das wirkliche Ertasten von Knoten versetzt wiederum die meisten Frauen in Panik.

Die verheerende Wirkung von Standardisierung

Viele sind überzeugt davon, daß ihr Körper unsauber und nicht normal sei, die Venuslippen zu groß, zu klein, nicht im richtigen Verhältnis zueinander, die Gebärmutter nach hinten geknickt, die Brüste birnen- statt apfelförmig. Grundlage dessen ist die Annahme, daß Frauen-Körper pathologisch zu sein scheinen (irgendetwas ist immer falsch und beängstigend) und anatomisch standardisiert und vollkommen einheitlich sein müssen. Doch wenn wir uns selbst und andere Frauen betrachten, stellen wir fest, wie unterschiedlich Frauen in allen körperlichen Bereichen aussehen, wie normal dies ist und wie befreiend. In der Unterschiedlichkeit liegt die Vielfalt. Normalität bzw. die Infragestellung von Normalität bekommt plötzlich eine andere Wertung. Im Wissen darum liegt auch mehr Selbstbestimmung und Autonomie im Sinne einer Unabhängigkeit von Experten. Doch der Alltag sieht oft anders aus.

In gynäkologischen Lehrbüchern sind Frauenkörper noch immer nicht nur standardisiert dargestellt, sondern auch vollkommen auf ihre reproduktiven Eigenschaften eingeschränkt. Es geht in aller Ausführlichkeit um Fortpflanzung und Frauenkrankheiten. Körperliche Grundlagen, die wichtige Voraussetzungen für das Erleben von weiblicher Sexualität sind, werden jedoch nicht dargestellt, ausgelassen und ignoriert. Welche Frau weiß, daß die Klitoris viel mehr umfaßt als den sog. Kitzler oder daß mehr Wissen um die Grundlagen die Diskussion um den vaginalen und klitoralen Orgasmus unerheblich machen würde? Welche Frau weiß, daß vaginaler Ausfluß normal und schützend für die vaginalen Schleimhäute ist, daß ein 28 Tage Zyklus eher die Ausnahme als die Regel ist und von der Medizin als Standard erfunden wurde?

Menstruation als Makel

In der Werbung werden Tampons an die Frau gebracht, indem sie anhand einer blauen (!) Flüssigkeit ihre Saugkraft beweisen. Die Botschaft lautet, daß Blut, Menstruation, zyklische Befindlichkeiten nicht nach außen treten dürfen, sie verborgen werden sollen. Frauen sollen sie ganz privat behandeln. Infamerweise wird das als Emanzipation verkauft: Frau kann trotz ihres Körpers funktionieren (mit dem richtigen Tampon und dem richtigen Schmerzmittel), der Schein bleibt gewahrt und der Körper verheimlicht.

Die Zyklizität des weiblichen Körpers scheint für viele Frauen und Männer Ballast zu sein in einer Zeit, in der sich am männlichen Ideal eines angeblich gleichmäßig funktionierenden Körpers gemessen/orientiert wird. Frauen und ihren Körper haftet der Makel der Unterlegenheit an.

Auch Brüste, das Symbol von Weiblichkeit, sind in ihren unterschiedlichen Formen und Größen für Frauen oft kein Quell der Freude oder Lust, sondern ein Ort potentieller Erkrankung und der Angst vor Krebs. Gerade auch dadurch, daß es wenig Wissen und oft ungenaue Informationen gibt über die Brust, ihren Aufbau, ihren Zusammenhang mit Lust und Sexualität, ihre Fähigkeit zu stillen, treibt jeder Knoten Frauen in die Angst und in die diagnostische Maschinerie der Gynäkologie. Brüste sind gerade auch dadurch, daß sie ein Objekt der Begierde sind, ein Ort der Projektionen. Eine eigenständige Beziehung zu ihnen aufzubauen, fällt Frauen dementsprechend oft schwer. Brüste bleiben vielen Frauen fremd, es macht Angst, sie zu berühren und letztlich bleibt oft ein dauerhaftes Gefühl der Distanz zwischen Frauen und ihren Brüsten. Nicht wenige bringt diese Distanz auf den Operationstisch eines Schönheitschirurgen. Doch durch kosmetische Operationen geht die Sensibilität der Brüste, die viele Frauen empfinden, verloren. Der prinzipielle Zugang zu Schönheitsoperationen für alle, zumindest für die zahlungskräftigen, schränkt gleichzeitig die Freiheit der einzelnen Frau und ihre Wahlmöglichkeiten ein.

Die Pille gegen Pickel – trotz starker Nebenwirkungen

Ein weites Feld in der Gynäkologie ist die hormonelle Behandlung bei der Diagnose „zu viele männliche Hormone“. Betroffen sind Frauen, die nicht dem gängigen Ideal von Frausein entsprechen, da sie Haarwuchs im Gesicht, unreine Haut (Akne, Pickel) und häufig damit verbunden keine Blutung haben.

Viele fühlen sich derart unter Druck, dem gängigen Bild von Frauen zu entsprechen, daß sie bereit sind, jahrelang starke Medikamente einzunehmen, die oft mit einer Vielzahl von schädlichen Nebenwirkungen einhergehen. Das Gemeine an diesen Medikamenten ist, daß sie sehr gut wirken bei Akne, doch schwere Nebenwirkungen haben, die Frauen von der Einnahme wieder abbringen. Doch nach Absetzen stehen sie wieder vor demselben Problem. Die gewünschte Wirkung dauert nur solange an wie die Einnahme. 

Neben der Tatsache, daß diese Hormone sehr stark in das körperliche, hormonelle Geschehen von Frauen eingreifen, ist auch festzustellen, wie sehr die Hemmschwelle gesunken ist, Medikamente nicht gegen Erkrankung, sondern alleine wegen des Aussehens zu nehmen. Dementsprechend ist der Druck, sie nehmen zu müssen, gestiegen. Enthaarungscremes, Antifaltencremes, Medikamente wie künstliche Hormone etc. sind für viele Frauen zu alltäglichen Begleitern geworden im Kampf um „Normalität“, die mit jugendlichem Aussehen und Anerkennung gleichgesetzt wird.

Der Pfad der Selbstbestimmung

In den 70ern formierte sich im Kampf um die Abschaffung des Paragraphen 218 die neue Frauenbewegung. Das zentrale Thema war Selbstbestimmung gerade im Zusammenhang mit Frauen-Körper und Körperlichkeit. (Ungewollte) Schwangerschaften, Abtreibung, Verhütung, Sexualität, Menstruation waren Themen, die sich um Körper drehten, aber eben auch um damit verbundene Unterdrückung und Vereinzelung von Frauen. Mit Slogans wie „Das Private ist politisch“ und „Mein Bauch gehört mir“ wurde eine öffentliche Diskussion in Gang gebracht, mit der diese Themen enttabuisiert wurden und die Frauen die Möglichkeit gab, sich mit diesen Aspekten auseinanderzusetzen. Das Neue und Wichtige daran war und ist es bis heute geblieben, daß in der bewußten Wahrnehmung von und der Auseinandersetzung mit weiblicher Körperlichkeit ein großes Potential an Selbstbestimmung, Entdeckung der eigenen Stärke, Austausch und Akzeptanz von Unterschiedlichkeit, Emanzipation und Widerständigkeit freigesetzt wird. Die anfängliche Begeisterung vieler in der Beschäftigung mit Frauenkörpern ist inzwischen einer eher pragmatischen Herangehensweise gewichen. Ich sehe gerade in diesen Zeiten des Kults um Körper eine enorme Bedeutung darin, Räume zu schaffen, in denen Mädchen und Frauen ein parteilicher Zugang zu sich in ihren Körpern möglich werden kann. Es geht eben nicht um die 1000te Auflage des Wie-passe-ich-mich-dem-aktuellen-Körper-bzw.-Frauenbild-am-besten-an?, sondern darum, von unserer oft eindimensionalen Sicht zu einem vollständigen Empfinden des Körpers zu kommen. Es ist an der Zeit, daß wir uns in und mit unseren Körpern in ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit wahrnehmen, sie akzeptieren (lernen) und in ihnen wohlfühlen.
geschrieben 1997 von Cornelia Burgert

Nirgends im deutschsprachigen Raum gibt es unserer Meinung nach so viel geballtes Wissen zum Thema Frauengesundheit zu finden, wie in den gesammelten Ausgaben der clio. Zwei­mal jähr­lich kommt ein Heft mit einem ak­tu­el­len The­men­schwer­punkt her­aus. Alle Aus­ga­ben der clio kannst du direkt beim FFGZ und im Buchhandel unter der ISSN 0933-0747 bestellen, oder du besuchst die Bi­blio­thek des FFGZ e.V. in Berlin. Alle Artikel dieser Beitragsreihe im Kulmine Magazin findest du unter clio-Redaktion. Im Kulmine Onlineshop sind die aktuellen Ausgaben der clio erhältlich.

Literatur:

Barbara Duden: Der Frauenleib als öffentlicher Ort. Vom Mißbrauch des Begriffs Leben. Luchterhand Literaturverlag, Hamburg 1991

Barbara Duden. Geschichte unter der Haut. Ein Eisenacher Arzt und seine Patientinnen um 1730. Klett-Cotta, Stuttgart 1987

Emily Martin: Die Frau im Körper. Weibliches Bewußtsein, Gynäkologie und die Reproduktion des Lebens. Campus Verlag, Frankfurt 1989

Naomi Wolf: Der Mythos Schönheit. Rowohlt Verlag, Hamburg 1991

Elisabeth Redler (Hrsg.): Der Körper als Medium zur Welt. Eine Annäherung von außen: Schönheit und Gesundheit. Mabuse Verlag, Frankfurt 1994

Irmgard Vogt, Monika Bormann (Hrsg.): Frauenkörper, Lust und Last. dgvt Verlag, Tübingen 1992

Ebba D. Drolshagen: Des Körpers neue Kleider. Die Herstellung weiblicher Schönheit. Krüger Verlag 1995

Angelica Ensel: Nach seinem Bilde. Schönheitschirurgie und Schöpfungsphantasien in der westlichen Medizin. eFeF Verlag, Bern 1996

Olympe. Feministische Arbeitshefte zur Politik. Der verwertete Körper. Selektiert. Reproduziert. Transplantiert. Heft 5. Autorinnen Verlag, Bern/München 1996

Linus S. Geißler: Warme Leichen und kalte Embryonen. Von der Antike bis zur High-Tech-Medizin: Das veränderte Bild vom menschlichen Körper. Frankfurter Rundschau 17.8.1996. Der Artikel ist gekürzt entnommen der Zeitschrift für Interdisziplinäre Wissenschaft Universitas, Nr. 598, April 1996, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart

Herlinde Koelbl: Starke Frauen (Bildband). Knesebeck Verlag, München 1996

E. Mixa; E. Malleier; M. Springer-Kremser; I. Birkhan (Hrsg.): Körper-Geschlecht-Geschichte. Historische und aktuelle Debatten in der Medizin. Studienverlag Innsbruck 1996

Clio-Redaktion
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