Mithu Sanyal mit einem deutlichen NEIN zu der Militarisierung der Gegenwart

Mit kluger Schärfe und liebevoller Fassungslosigkeit stellt Mithu Sanyal unbequeme Fragen, ohne die globalen Aggressionen zu verharmlosen. Überaus notwendig erinnert ihr Buch daran, dass eine Welt ohne Gewalt kein fernes Ideal ist – sondern die drängendste unserer Aufgaben.

Ich bin ohnehin gegen Militarisierung und gegen eine Wehrpflicht. Brauche ich dieses Buch dann überhaupt? Das habe ich mich gefragt. Dann habe ich die Leseprobe entdeckt … und war sofort gefesselt, wie von jedem Buch, das Mithu geschrieben hat. Auch hier sind ihre Gedanken und ihre Sprachkunst einzigartig. Nie hätte ich gedacht, dass mich ein Sachbuch zu diesem Thema so packen kann. _Petra Sood

Alle folgenden Inhalte stammen von der Verlagsseite:

Mithu Sanyal ist Schriftstellerin, Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Kritikerin. 2009 erschien ihr Sachbuch »Vulva. Das unsichtbare Geschlecht«, 2016 »Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens«. 2021 erschien bei Hanser ihr erster Roman »Identitti«, der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises war und mit dem Literaturpreis Ruhr und dem Ernst-Bloch-Preis ausgezeichnet wurde, 2024 ihr zweiter Roman »Antichristie«, der ebenfalls für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde und den Erich Pawlu-Preis erhielt. 2026 erhielt sie den Heinrich-Mann-Preis für Essayistik.

Neu ist Mithus Buch “Nein” – gegen die Militarisierung der Gegenwart”.

»Pazifismus ist nur etwas für Friedenszeiten? Ja, dann brauchen wir ihn auch nicht.«

Mithu Sanyal

Eine schallende Antwort auf die allgemeine Kriegsrhetorik.
Was heißt die »Zeitenwende« gerade für linkes Denken, das sich doch vor Kurzem noch für Fürsorge, Gewaltkritik und Friedenspolitik starkmachte? Wenn Pazifismus inzwischen als lächerlich, verantwortungslos oder querdenkerisch gilt, sollten wir uns Sorgen um die Grundlagen unseres Miteinanders machen. Mit kluger Schärfe und liebevoller Fassungslosigkeit stellt Mithu Sanyal unbequeme Fragen, ohne die globalen Aggressionen zu verharmlosen. Überaus notwendig erinnert ihr Buch daran, dass eine Welt ohne Gewalt kein fernes Ideal ist – sondern die drängendste unserer Aufgaben.

5 Fragen an … Mithu Sanyal

Liebe Mithu Sanyal, Ihr langerwartetes, dringend nötiges Buch sagt »Nein.« zur »Militarisierung der Gegenwart«. Was ist mit dieser Militarisierung gemeint?

Die militärische, aber auch rhetorische Aufrüstung. Ich komme aus einer Bundesrepublik, deren Selbstverständnis »Nie wieder Krieg» war. Und jetzt sprechen wir ununterbrochen darüber, dass wir »kriegstüchtig« (Boris Pistorius) werden sollen, und »siegfähig« (Generalleutnant a.D. Alfons Mais) noch dazu. Ich erkenne mein Land nicht wieder!

Pazifismus wird in der Gegenwart sehr oft als naiv und bequem weggewedelt – warum eigentlich?

Erst einmal glaube ich, dass viele Menschen Pazifismus mit Passivität verwechseln, also damit, schunkelnd um das Lagerfeuer zu sitzen und die Aggressoren dieser Welt einfach machen zu lassen. Dabei ist Pazifismus das genaue Gegenteil. Er steht für die radikale Überzeugung, dass alle Menschenleben gleich viel wert sind. Und dass wir Wege finden müssen, unsere Konflikte so zu lösen, dass alle Seiten sich gesehen fühlen und alle Bedürfnisse berücksichtigt werden. Wer jetzt denkt ‚Puh, das hört sich anstrengend an’, hat recht. Pazifismus ist deutlich anstrengender, als zu überlegen, wem wir Waffen liefern sollen. Er ist aber auch deutlich nachhaltiger. Denn Kriege, die nicht in Gerechtigkeit enden, tendieren dazu, immer weiter zu schwelen und früher oder später wieder auszubrechen.

Aber ist denn wirklich nichts dran an dem Argument, gegen mörderische imperiale Aggressoren nützten pazifistische Sanftheiten wenig?

Diese Frage will ich umdrehen: Welche der Kriege, an denen die Bundesrepublik beteiligt war, haben jemals Demokratie, Freiheit und Gleichberechtigung hervorgebracht? Afghanistan? Da haben wir es geschafft, die Taliban nach 20 Jahren Krieg und Leid und dem Tod von 243.000 Menschen durch … die Taliban zu ersetzen. Allerdings durch Taliban, die nun noch viel fundamentalistischer sind als zuvor. Man kann Demokratie nicht herbeibombardieren – es sollte gar nicht notwendig sein, das zu erwähnen. Aber im herrschenden Bellizismus ist das tatsächlich erforderlich. Es fühlt sich so an, als würden überall Nebelkerzen gezündet, und dann kommt der nächste Experte in die nächste Talkshow und erklärt wieder, was für Drohgebärden, Aufrüstung und auch Kriegsbereitschaft nun alternativlos sind. Genau in Reaktion darauf heißt mein Buch »NEIN«. Es geht mir darum, der behaupteten Alternativlosigkeit zu begegnen. Und an die großen und wichtigen Erkenntnisse der Friedensforschung zu erinnern, wie Kriege verhindert werden und wie sie beendet werden können, ohne dass Tausende Menschen dafür sterben müssen – darüber gibt es ja Wissen, das aber in unseren Medien und Diskussionen kaum vorkommt.

Wie schreibt man eigentlich kritisch über ein Thema, zu dem sich dem Gefühl nach öffentlich vor allem Militärstrateginnen und staatstragende Politikerinnen äußern?

Meine Wahrnehmung ist ja, dass sich alle dazu äußern. So wie es mit dem Beginn des Ukraine-Kriegs plötzlich 80 Millionen Russlandexperten gab, und mit dem Beginn des Gaza-Kriegs 80 Millionen Nahost-Experten. Ironie beiseite: Dass wir alle plötzlich derart intensiv über die Möglichkeit eines Krieges in Deutschland sprechen, liegt daran, dass Politik und Medien uns 24/7 darauf vorbereiten. Ständig lese ich Artikel über die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Und darüber, wie gefährlich Russland ist. Und dass wir die Atombombe brauchen. Was ich nicht – oder viel, viel seltener – lese, sind Konzepte, wie wir die aktuelle Situation deeskalieren. Bei der Recherche für mein Buch habe ich herausgefunden, dass die Berichterstattung über Kriege und Krisen erschütternd oft mit der Haltung der Regierung übereinstimmt. Deshalb habe ich ein eigenes Kapitel über die Rolle von Medien in den aktuellen Kriegsdiskursen geschrieben. Und das habe ich auch getan, da ich ja selbst Teil der Medien bin und mich verantwortlich fühle.

Wovor haben Sie konkret Angst – und gibt Ihnen auch etwas Hoffnung?

Die Motivation, dieses Buch zu schreiben, war Angst: Die Angst, dass meine Kinder in einen Krieg geschickt werden, die Angst, dass in Deutschland Atomwaffen stationiert werden, die Angst … nein, das Entsetzen darüber, dass weltweit mit deutschen Waffen Menschen getötet werden. Das Gespenstische war, dass ich zunächst nur wie hinter vorgehaltener Hand mit Freundinnen und Kollegen darüber gesprochen habe. Und damit war ich nicht alleine. Die Menschen hatten das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, wenn sie die Militarisierung hinterfragten, wir sind ja in den Zeitungen als „Lumpenpazifisten“ und Schlimmeres beschimpft worden. Aber das schlägt gerade um. Die lange totgesagte Friedensbewegung beginnt die Straßen zu füllen. Die Zahl der Kriegsdienstverweigerer ist so hoch, dass die Bundesregierung entschieden hat, sie uns nicht mehr mitzuteilen. Ich möchte mit meinem Buch mithelfen, die Argumente für diese nötige Kritik zu liefern.

Links zum Buchhanser-literaturverlage.de
Autor*inMithu Sanyal
VerlagHanser Verlag
Erscheinungsdatum15.09.2026
Seiten224
ISBN (Hardcover)978-3-446-28856-0
Preis20,00 €
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