Was Selbstbestimmung mit Zykluswissen zu tun hat oder: meine zyklische Vision einer geschlechtergerechten Welt

Nicht nur die Medizin, sondern nahezu alle Bereiche unserer modernen Welt orientieren sich an männlicher Biologie. Das Patriarchat hat eine Welt geschaffen, in der Leistung und Erfolg an Linearität, Effizienz und Produktivität gemessen werden. In dieser Welt hat der zyklische Rhythmus wenig Platz – und genau an dieser Stelle gerät der Feminismus in eine Zwickmühle.
Inhaltsverzeichnis

Neulich las ich hier im Magazin den Artikel über die Geschichte von Kulmine. Ich las davon, wie die Gründerin Petra Sood in den 1990er Jahren als Vorreiterin für nachhaltige Menstruationsprodukte an ihre Vision glaubte, die Menstruation zu enttabuisieren und Frauen stärker in Kontakt mit ihrer Weiblichkeit zu bringen. Ich war berührt davon, wie unermüdlich sie sich trotz aller Widerstände für ihre Ideale einsetzte, und ich bin zutiefst dankbar für diese Arbeit und alle Errungenschaften, die sie und viele andere für uns alle erkämpft haben.

Natürlich hat sich in den vergangenen 30 Jahren viel getan. Dennoch kam ich beim Lesen des Artikels nicht umhin, mich zu fragen: Wie viel weiter sind wir heute wirklich?

Das Tabu ums Blut

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Frauen permanent Bewertungen erfahren: unsere Körper, unser Verhalten, das Hineinpassen in Rollenbilder und patriarchale Strukturen. Von klein auf werden wir mit unrealistischen Erwartungen darüber konfrontiert, wie wir aussehen und uns verhalten sollen, was „typisch weiblich“ ist und was eben nicht. Zu dick, zu dünn, zu wenig weiblich oder viel zu sehr, und dann auch noch dieser Zyklus – viel zu kompliziert!

Menstruation und Zyklus sind in weiten Teilen unserer Gesellschaft noch immer Tabuthemen. Aufklärung über die Vorgänge in unserem Körper findet häufig nicht oder nur sehr begrenzt statt. So paradox es auch scheinen mag: Die Menstruation, die die Grundvoraussetzung für unser menschliches Leben schafft, wird noch immer als „Fehler“ stigmatisiert und soll möglichst diskret passieren. Noch immer sind unzählige Menstruierende auf dieser Welt wahre Meisterinnen darin, Tampons möglichst unauffällig aufs Klo zu schmuggeln, und die Werbung vermittelt uns seit Jahrzehnten, dass Menstruation bitte vor allem eins sein soll: nämlich unsichtbar.

Das Tabu rund um Menstruation und Zyklus sorgt dafür, dass wir schweigen, anstatt uns auszutauschen. Nach wie vor spüren viele Frauen Unsicherheit und Scham, während uns wichtiges Wissen über unseren Körper und unsere Sexualität fehlt: Was uns Lust macht, wie unser Zyklus funktioniert, warum wir Zervixschleim haben und was er uns verrät, wie sich unsere Hormone im Alltag auswirken oder was wir bei Menstruationsschmerzen tun können.

Leerstelle im System

Die Gründe dafür sind tief in gesellschaftlichen Strukturen verwurzelt, denn dahinter steckt ein System, das die Bedürfnisse und die Gesundheit von Frauen bis heute bagatellisiert. Chronische Erkrankungen wie Endometriose, die überwiegend Menstruierende betreffen, sind immer noch kaum erforscht und werden zu spät diagnostiziert. Menstruationsschmerzen gelten noch immer als „normal“ und Betroffene werden mit ihren Beschwerden viel zu häufig nicht ernst genommen. Die meisten verschreibungspflichtigen Medikamente, die Frauen einnehmen, wurden ausschließlich an Männern getestet. Dieser Gender Gap in der Medizin hat für Frauen reale Folgen: Unser Hormonsystem unterscheidet sich grundlegend, was sich auf Wirkung und Dosierung von Medikamenten auswirkt. Indem es wenig Forschung am weiblichen Körper gibt, fehlt es häufig nicht nur an diagnostischen Möglichkeiten, sondern auch an der passenden Therapie – und an Wissen über unseren Körper, was sich wiederum unmittelbar auf unser körperliches Selbstbewusstsein auswirkt.

Die Verunsicherung, die rund um unseren Körper besteht, erlebe ich regelmäßig in meiner Beratung. Menschen, die sich für NFP interessieren, werden häufig erst einmal mit Vorurteilen und Halbwissen konfrontiert. Neben „zu unsicher“ heißt es von Ärzt*innen auch häufig: „Ach nee, viel zu kompliziert.“ Beides stimmt nicht und ist wissenschaftlich längst widerlegt. Was aber bedeutet es für unser körperliches Selbstbewusstsein, wenn uns nicht mal zugetraut wird, den eigenen Körper zu verstehen? Welches Selbstbild entwickelt sich, wenn wir immer wieder hören, wie unlogisch und kompliziert unser Körper doch ist und dass wir uns für unsere Blutung und unseren komplizierten Körper schämen sollen?

Wie uns die Scham verstummen lässt

Die Scham für den eigenen Körper und seine Funktionen ist allgegenwärtig und scheinbar untrennbar mit dem Frausein verknüpft. Sie ist so groß, dass wir uns unserer Weiblichkeit nicht mal sprachlich nähern können: Begriffe wie „da unten“ oder „zwischen den Beinen“ zeigen deutlich, wie groß die Leerstelle ist, die um weibliche Geschlechtsorgane, Körperwissen und Sexualität besteht. Die korrekte Bezeichnung für die weiblichen äußeren Geschlechtsorgane (Vulva!) hat es noch immer nicht in alle Schulbücher und erst recht nicht in den Wortschatz aller Menschen geschafft, und die Klitoris ist selbst in der medizinischen Forschung nach wie vor höchstens eine Randnotiz.

Diese verschämte Sprachlosigkeit ist kein Zufall. Sie ist Teil eines Systems, das seit Jahrhunderten versucht, weibliche Körper zu kontrollieren – und ein gängiges Mittel, um Frauen aus gesellschaftlichen Räumen auszuschließen. Scham macht uns leise, sie lässt uns verstummen und unsere Forderungen nach Gleichberechtigung herunterschlucken, sie bleiben uns gewissermaßen im Hals stecken, während wir uns für unseren komplizierten Körper oder das nicht-Erfüllen von angeblich idealen Körperbildern schämen.

Feminismus im Spannungsfeld zwischen Anpassung und Auflehnung

Nicht nur die Medizin, sondern nahezu alle Bereiche unserer modernen Welt orientieren sich an männlicher Biologie. Das Patriarchat hat eine Welt geschaffen, in der Leistung und Erfolg an Linearität, Effizienz und Produktivität gemessen werden. In dieser Welt hat der zyklische Rhythmus wenig Platz – und genau an dieser Stelle gerät der Feminismus in eine Zwickmühle: Denn der Kampf um Gleichberechtigung verlangt, nach den Regeln des Patriarchats geführt zu werden. Wenn wir ernst genommen werden möchten, müssen wir uns anpassen – und im Bestreben, sich gegen die jahrhundertealten Stigmatisierungen zu wehren, Frauen seien aufgrund ihres Geschlechts „schwächer“, darf eben keine Schwäche gezeigt werden. Es ist schwer, gleiche Gehälter oder mehr weibliche Führungskräfte zu fordern, wenn wir gleichzeitig Sonderurlaub bei Menstruationsschmerzen haben möchten – obwohl der für viele Menstruierende nötig wäre. Aber unsere patriarchale Leistungsgesellschaft macht unseren Wert von Leistung abhängig und misst uns daran, dass wir „funktionieren“. Linear und planbar, nicht zyklisch.

Um unseren Anspruch auf Gleichberechtigung zu verteidigen, müssen wir mithalten, um unseren Platz in einer Welt zu behaupten, in der das Patriarchat regiert. Kurzum: Wir möchten auf unsere zyklischen Bedürfnisse Rücksicht nehmen, während wir in einer linearen, auf Leistung und permanenter Produktivität ausgerichteten Welt leben. Wir wollen Strukturen verändern, während wir uns gleichzeitig an genau diese Strukturen anpassen müssen, um gehört zu werden. Während wir für Selbstbestimmung kämpfen, laufen wir Gefahr, genau jene Muster zu reproduzieren, die wir überwinden wollen. Wir sind laut, bezahlen dafür aber einen hohen Preis: Weil wir gelernt haben, hormonelle Schwankungen zu leugnen, Schmerzen zu ignorieren und Bedürfnisse zurückzustellen, um uns an diese Welt anzupassen. Und so gehören der Zyklus und unsere ach so schwankenden Hormone noch immer zu den mächtigsten Waffen, die das Patriarchat gegen uns einsetzt.

Zyklische Vision für eine gerechtere Welt

Natürlich kann Zykluswissen nicht all diese Probleme lösen. Aber es kann helfen, wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu entwickeln, ihm offen und neugierig zu begegnen und ihn – mit etwas Übung – liebevoll anstatt wertend zu betrachten. In letzter Konsequenz ist das ein weltweit überfälliger Akt der Selbstbestimmung: Denn das schneller-höher-weiter-Prinzip lässt sich nicht mit dem Grundprinzip des weiblichen Zyklus vereinbaren, das ja gerade aus dem Gleichgewicht zwischen Energie- und Ruhephasen besteht.

Dieser innere Rhythmus ist keine Schwäche, sondern Ausdruck einer tief verwurzelten biologischen Intelligenz. Indem wir uns mit unserer zyklischen Natur auseinandersetzen und die Stärke und Intelligenz unseres Körpers anerkennen, können wir nicht nur uns selbst wieder näherkommen, sondern auch neue Blickwinkel auf unsere Welt gewinnen.

Wir brauchen Enttabuisierung und Aufklärung über den Zyklus mit seinen unterschiedlichen Phasen und deren Auswirkungen auf Körper, Geist und Seele. Gleichzeitig brauchen wir aber auch die Integration von zyklischen Strukturen in allen Bereichen des Lebens. Weil es eben nicht nur um Enttabuisierung geht oder darum, im bestehenden System gleiche Rechte und Chancen einzufordern, sondern das System an sich zu hinterfragen: Feminismus darf – und muss – die Grundlagen unserer Welt neu denken und neue Maßstäbe finden, nach denen wir leben und arbeiten wollen. Wir brauchen einen Feminismus, der eine umfassende Veränderung unseres Zusammenlebens anstrebt und eine neue Ordnung schafft, die zyklische Prinzipien integriert – weil das Fortbestehen der linearen Leistungsgesellschaft letztlich nicht nur Frauen, sondern allen Menschen schadet.

Ein Feminismus, der dieses Spannungsfeld aushält und dem es gelingt, unsere Vorstellungen von Leistung und Erfolg zu verändern, kann eine Welt erschaffen, in der alle Menschen frei und gleichberechtigt leben können.

Anne Schmuck
Anne Schmuck ist zertifizierte Beraterin für Natürliche Familienplanung (NFP) und Zykluswissen, Lektorin für Frauengesundheitsthemen und Autorin der Bücher „Meinen Zyklus lesen und verstehen“ und „Nebennierenschwäche“.
Beitrag teilen

Hinterlasse ein Kommentar

Mit Absenden dieses Kommentars erklärst Du dich mit der Verarbeitung gemäß unseren Datenschutzbedingungen einverstanden.