Alt werden wollen viele, aber nur wenige alt sein. Warum eigentlich?

Was ist Alter? Das definiert jede für sich selbst oder findet es heraus. Ich benutze das Wort Alter bewusst, weil dieses oft verschleierte, verbannte oder altertümlich angewandte Wort im Kern eine ebenso neutrale Bedeutung hat wie die Bezeichnungen für alle anderen Lebensphasen. Wie jedoch diese Lebensphasen individuell erlebt werden, könnte unterschiedlicher nicht sein …
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Was ist Alter? Das definiert jede für sich selbst oder findet es heraus. Ich benutze das Wort Alter bewusst, weil dieses oft verschleierte oder altertümlich angewandte Wort im Kern eine ebenso neutrale Bedeutung hat wie die Bezeichnungen für alle anderen Lebensphasen. Wie jedoch diese Lebensphasen individuell erlebt werden, könnte unterschiedlicher nicht sein.

Fest steht: Das Alter genießt in unserem Kulturkreis keinen guten Ruf. In den Medien, der Werbung und den Regalen im Drogeriemarkt begegnen uns unzählige Produkte und Tipps, wie wir möglichst lange jung bleiben oder zumindest jung aussehen. Und so überfärben wir graue Haare, cremen Falten weg und geben Geld aus für sogenannte Anti-aging”- oder Better-aging”-Produkte, die mit dem Versprechen ewiger Jugend werben und gleichzeitig mächtig Druck ausüben, den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen und mitzuhalten im Ringen um äußere Schönheitsideale.

Gleichzeitig gibt es erstaunlich wenig öffentlichen Diskurs darüber, wie wir älter werden möchten, wie wir im Alter leben wollen und was wir brauchen, um auch in dieser Phase des Lebens selbstbestimmt, frei und lustvoll leben zu können.

Dieser Artikel in unserem Magazin ist der erste einer Reihe über das Leben im Alter und das Älterwerden. Es sollen weitere Inhalte folgen über Themen wie finanzielle Sicherheit im Alter, Wohnformen jenseits des betreuten Wohnens oder über Einsamkeit, Bewegung, Ernährung, Nährstofftherapie, Hormontherapie, Intimität und Sexualität. Welche Themen über das Leben im Alter oder das Älterwerden wünschst du dir noch? Vielleicht magst du sogar selbst etwas schreiben? Dann wende dich an petra@kulmine.de

Wir planen außerdem eine Reihe von Workshops mit verschiedenen Dozentinnen. Dazu gibt es bald weitere Infos. Über Termine und Themen bleibst du auch über unseren Instagram-Account Kulmine.de” auf dem aktuellsten Stand oder schreibe mir, dass du informiert werden möchtest.

Selbstbestimmt im Alter

Weiblichkeit wird in unserer Gesellschaft meist über äußere Schönheitsmerkmale (glatte Haut, volle Lippen, lange Haare, üppiger Busen etc.) und Fruchtbarkeit (also die Fähigkeit, schwanger zu werden) definiert. Verändern sich diese Merkmale im Alter und endet die Fruchtbarkeit mit dem Erreichen der Menopause, so wird dies von vielen mit dem Ende der Weiblichkeit gleichgesetzt. Und endet die Weiblichkeit, ist es mit der Sexualität und Intimität angeblich auch vorbei …

Woher kommt eigentlich die Idee, dass Weiblichkeit und Fruchtbarkeit voneinander abhängen? Ist Weiblichkeit nicht vielmehr ein inneres Gefühl, ein Gefühl von Kraft, Stärke, Energie, Liebe, Kreativität, Sinnlichkeit und Sicherheit? Unabhängig davon, ob die Wechseljahre bereits eingesetzt haben oder nicht, ob Haare und Haut sich verändern usw.

Wenn eine ganze Generation von Frauen sich die grauen Haare färbt und die Falten glättet, stimmt etwas Grundlegendes nicht. Selbstverständlich bedeutet das nicht, dass diese Entscheidungen falsch” sind. Aber ich wünsche mir für jede einzelne Frau die Freiheit und Stärke, Entscheidungen über ihr Äußeres selbstbestimmt treffen zu können – unabhängig von gesellschaftlichen Ansprüchen, Normen und dem permanenten Druck, jung wirken zu müssen.

Digitale Illustration von zwei alten Frauen. Eine lächelnde Gärtnerin mit Sonnenhut, und langen, grauen Haaren und eine Künstlerin mit lila Haaren und farbverschmierter Schürze

Ich möchte, dass wir das Alter nicht als Ende betrachten oder als „Weniger“, sondern als einen Abschnitt, den wir genauso frei oder sogar noch freier gestalten können wie/als unsere anderen Lebensabschnitte. Es ist kein Weniger, sondern ein Mehr: Alter soll aus meiner Sicht unabhängig verstanden werden von Falten, von Jahren und von äußerer Schönheit. Äußere Schönheitsideale ändern sich, innere Schönheit und Stärke hingegen können wachsen statt zu vergehen.

„Niemand soll die Falten auf meiner Stirn wegzaubern, die ich durch die Verwunderung angesichts der Schönheit des Lebens bekommen habe; oder die Falten um meinen Mund herum, die zeigen, wie viel ich gelacht und geküsst habe; und auch nicht die Tränensäcke, denn sie erinnern daran, wie viel ich geweint habe. Das sind meine Falten und sie sind schön.“

Meryl Streep, US-amerikanische Schauspielerin, geb. 1949

Vorsorge, Eigeninitiative und Selbsthilfe

Wir sollten anfangen, das Alter als ein Mehr an Lebenserfahrung, an Selbstbewusstsein und innerer Freiheit zu schätzen, um miteinander in Ehrlichkeit, Lebendigkeit, Intimität, Liebe und gegenseitigem Respekt zu leben. Dafür braucht es neben Vorbildern auch Plattformen, Informationsquellen und Angebote, die uns dabei helfen, Stück für Stück herauszufinden, wie wir altern möchten und was wir brauchen, um selbstbestimmt, zufrieden und lustvoll zu altern. Das bedeutet auch: Wir müssen Eigenverantwortung übernehmen, uns kümmern und uns selbst informieren (Stichwort Selbsthilfe). Sprich, wir müssen Altersvorsorge” betreiben, und das nicht (nur) im finanziellen Bereich, sondern auf verschiedenen Ebenen. Wir müssen aktiv nach passenden Lebensformen und nach Lösungen für mögliche Einschränkungen suchen, abhängig von unseren persönlichen, gesundheitlichen und finanziellen Ressourcen – und uns trauen, diese für uns und unser Leben zu wählen.

Menschen mit viel Gesundheit und Energie können dabei diejenigen unterstützen, die weniger davon haben – so wie es eigentlich in allen Lebensbereichen sein könnte.

Auf der Suche nach inspirierenden Vorbildern

In den meisten Etappen meines Lebens hatte ich Vorbilder, die mich inspiriert haben. Meist waren es mir bekannte Menschen, manchmal aber auch Fremderlebtes aus Büchern und Filmen. Als Kind erlebte ich eine (!) relativ selbstbestimmte junge Frau in meiner Umgebung; als Jugendliche schon ein paar mehr junge Erwachsene, die relativ wach, unkonventionell und frei lebten. Die wilden 60er schwappten über und ich begegnete Lehrerinnen, Studentinnen, Unternehmerinnen und auch Eltern, deren Ansichten und Lebensweisen meinen Horizont erweiterten. Dann kam die Frauenbewegung der 70er-Jahre und ich traf politisch aktive Menschen, fand sie glaubhaft und mochte es, wie sie ihre Meinung kundtaten, auch gegen den Mainstream. Manchmal waren es auch einfach nur Kleinigkeiten im Verhalten von Menschen: Menschen, die mit offenen Augen, offenem Herzen und kritischem Verstand ihr Leben lebten und mich inspirierten.

Nun aber bin ich 68 Jahre alt und merke: Für ein selbstbestimmtes, glückliches, lebendiges, würdevolles Alter kenne ich nur wenige Vorbilder. Immerhin, es gibt sie: Da ist die Tänzerin, die mit 95 Jahren noch unterrichtet und sich eben auf einen Stuhl setzt, wenn sie eine Pause braucht. Die Frau, die erst mit 65 Jahren angefangen hat, an Schwimmwettbewerben teilzunehmen und im Alter von 99 Jahren noch Wettkämpfe gewinnt. Eine ehemalige Handarbeitslehrerin und Schneiderin, die ehrenamtlich jungen Menschen das Nähen beibringt. Und da ist die Hundertjährige, die sich im Altersheim langweilt und deshalb Veranstaltungen organisiert, und nicht zuletzt die großartige Jane Goodall. Sie ist eine der bekanntesten Primatenforscherinnen überhaupt, heute ist sie vor allem Umweltaktivistin.

Diese Frauen sind inspirierend und ermutigend, aber es sind wenige. Stattdessen sehe ich an vielen Stellen Menschen, die nicht so leben (können), wie sie es möchten, oder Menschen, die gar nicht wissen, wie sie eigentlich (im Alter) leben wollen. Menschen, die im Alter alles Mögliche dafür tun, um jung zu wirken.

Einen entscheidenden Grund sehe ich darin, dass es Frauen in meinem Alter oft an Vorbildern und Wissen fehlt. Wir brauchen dringend Alternativen zu den heutigen Lebensformen und buntere Angebote für ältere Menschen. Genauso brauchen wir Vorbilder, die uns vorleben, wie würdevolles, selbstbestimmtes Altern aussehen kann.

Welche Vorbilder hast du? Magst du sie mit uns teilen?

Digitale Illustration von alter Frau mit Blumen im Haar, Sonnenhut und Hahn auf dem Arm.

Fit und zukunftsorientiert möglichst in jedem Alter

Immer schon mochte ich es, mich früh mit kommenden Lebensphasen zu beschäftigen. Auf die Wechseljahre und die Menopause hatte ich mich schon ab einem Alter von 35 Jahren vorbereitet. Mit 50 Jahren erlebte ich eine Phase, in der ich sehr viel im Sitzen gearbeitet hatte und plötzlich zum allerersten Mal in meinem Leben leichte Hüftschmerzen auftraten. In dem Moment wurde mir klar: Ich möchte später nicht am Rollator landen, obwohl ich es damals besser gewusst hätte. Zu dieser Zeit begann ich wieder, mich regelmäßig zu bewegen – um dranzubleiben, nahm ich mir täglich fünf Minuten vor. Bald verlangte mein Körper von selbst nach mehr, und heute mache ich fast täglich mindestens eine Stunde Bewegungsprogramm (mindestens aber meine fünf Minuten).

Ich habe immer versucht, so viel wie möglich von dem, was ich wusste, in meinen Alltag zu integrieren: Ich habe meine Ernährung verändert, Nährstoffe entdeckt, Bewegung integriert, Psyche und Geist geschult und Emotionen freigesetzt. Jetzt bin ich 68 Jahre alt und in allen Bereichen, für die ich gut gesorgt habe, geht es mir heute hervorragend. Bis auf die Schilddrüsenhormone und während einer aktiven Borreliose habe ich als Erwachsene nie ein Medikament gebraucht.

Foto von Petra Sood lachend im Garten.

Dennoch gibt es Bereiche, um die ich mich gern besser gekümmert hätte – aber dafür fehlten mir Vorbilder und Wissen. Deshalb möchte ich das, was ich mir im Laufe der Zeit angeeignet habe, gern weitergeben: Als Inspiration für dich, wenn du das Gefühl hast, etwas mehr für dich tun zu wollen. Genau jetzt ist dafür die Zeit – selbst dann, wenn du in jüngeren Jahren noch nicht viel für dich gesorgt hast: Wir können in jedem Alter viel für Körper, Seele und Geist tun.

Jetzt geht es los

Im deutschsprachigen Raum habe ich vor einem Jahr kaum spannende Literatur zum Thema selbstbestimmtes Altern gefunden. Suchen im Netz landeten stets beim betreuten Wohnen. Doch jetzt plötzlich erscheinen Artikel und die ersten Bücher. Die frauenbewegten Boomerinnen werden erneut wach zu ihrer Kraft und dem Willen zur Selbstbestimmung. Zeitgleich fordern strukturelle Bedingungen und die politische Lage uns heraus, aktiv zu bleiben oder zu werden.

Bitte melde dich, wenn du mit deinem Wissen und deiner Erfahrung Artikel zum Thema Alter schreiben möchtest, Interesse an Seminaren hast oder anders mit Kulmine aktiv werden möchtest. Auch über Literaturempfehlungen freuen wir uns.  Du kannst die Kommentarfunktion nutzen oder mir schreiben an petra@kulmine.de

Eine Liste mit Literaturempfehlungen und Links folgt bald.

Illustrationen von Erik Lenz, Lektorat von Anne Schmuck.

Petra Sood
Petra Sood ist nicht nur die Seele von Kulmine, sondern auch ihre Gründerin. Sie führt das Unternehmen bis heute mit Haltung, Herz und Verstand. Nachhaltiges Leben ist für sie gelebte Selbstverständlichkeit - genauso selbstverständlich wie ihr gradliniger und inklusiver Feminismus.
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