1997: Gesundheitsamt erklärte Schwämmchen für unhygienisch…

Und Petra Bentz vom FFGZ Berlin erklärt, wieso das ganz und gar nicht stimmt. Wann das passierte? Vor 26 Jahren!…
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Und Petra Bentz vom FFGZ Berlin erklärt, wieso das ganz und gar nicht stimmt.

Wann das passierte? Vor 26 Jahren! Dieser Artikel erklärt, wieso es dann doch nicht zu einem Verbot der Menstruationsschwämmchen kam und wertet eine Umfrage zum Gebrauch der Schwämmchen aus – mit wertvollen Informationen und viel Erfahrungswissen.

Aus: clio Nr. 44 / 1997, Petra Bentz

Schon in der letzten Clio war es zu erfahren: Wir dürfen unsere Menstruationsschwämmchen wieder als solche verkaufen! Wir berichteten in der clio 42 ausführlich über unsere Auseinandersetzung mit dem Gesundheitsamt, das die Schwämme als unhygienisch verbieten wollte. Das Oberverwaltungsgericht hat dem nicht stattgegeben. Es verwies zum einen darauf, dass es noch keinerlei Beanstandungen von Frauen gegeben hatte, und zum anderen auf das Selbstbestimmungsrecht der Verbraucherinnen. Wenn sie mit einem Hygieneartikel nicht zufrieden seien, würden sie ihn auch nicht benutzen. Nun wollten wir wissen, wie zufrieden Frauen mit den Schwämmen wirklich sind.

Wir erstellten einen Fragebogen, legten ihn einer Clio-Ausgabe bei, verteilten ihn an verschiedene Einrichtungen und gaben ihn Frauen, die bei uns Schwämme kauften, mit. Zurück kamen bis jetzt 81 Fragebögen. An dieser Stelle unseren herzlichen Dank an alle Frauen, die uns ihre Erfahrungen zur Verfügung stellten!

Wir fragten nach:

  • seit wieviel Jahren Frauen Schwämme benutzen
  • zu welchen Zeiten/Gelegenheiten
  • mit welchen anderen Methoden sie Schwämme kombinieren
  • der Trage- und Verwendungsdauer
  • Infektionen
  • und den Vorteilen, die Schwämme für sie haben.

Hinzuzufügen wäre noch, dass man bei Antworten, die hier wiedergegeben werden, nicht immer auf die Zahl 81 kommt, teilweise gab es Mehrfachangaben, teilweise wurde von einer Frau nicht jede Frage beantwortet.

Hier nun die Ergebnisse im Einzelnen:

Zehn Frauen benutzen die Schwämme erst seit einem halben bis einem Jahr. 41 Frauen haben Erfahrung damit seit zwei bis vier Jahren, 17 seit fünf bis acht Jahren und 13 verwenden sie schon seit mehr als neun Jahren, zwei von ihnen kommen auf stattliche 17 Jahre.

33 Frauen nehmen ausschließlich Schwämme. Die Mehrzahl der Frauen kombiniert jedoch mit anderen Methoden, am häufigsten mit Binden (28 x). Gleich danach kommen die Tampons (20 x), gefolgt von Stoffbinden (12 x). Bei der Frage, zu welchen Gelegenheiten Schwämme benutzt werden, tauchten einige Einschränkungen für den

Schwämmchengebrauch auf. Zwölf Frauen benennen die Wichtigkeit einer guten Auswaschmöglichkeit (am liebsten in einer Toilette, in der sich ein Handwaschbecken befindet, damit frau nicht in den Waschraum muss), neun verwenden es sogar nur zu Hause.

Viele benutzen am ersten Blutungstag eine andere Methode und die Schwämme erst anschließend, wenn die Blutung schwächer wird. Andere kombinieren bei starker Mens mit Binde oder Slipeinlage. Auch auf Reisen wird oft auf Binde/Tampon zurückgegriffen, da diese dann besser handhabbar sind. Manche Frauen tragen nur nachts einen Schwamm. 15 Frauen wechseln zwischen mindestens zwei Schwämmen.

Die maximale Tragedauer wird von 29 Frauen mit einer bis zu sechs Stunden angegeben. 30 Frauen lassen es sechs bis acht Stunden drin, 10 Frauen tragen es längstens bis zu zehn Stunden und weitere 10 Frauen lassen zwölf Stunden und manchmal mehr verstreichen.

Sehr unterschiedlich ist auch die Verwendungsdauer, d.h. über wieviele Zyklen hinweg ein Schwamm benutzt wird. Sieben Frauen verwenden einen Schwamm nur einen bis zwei Zyklen lang, 19 Frauen drei bis vier Zyklen und 22 Frauen fünf bis sechs Zyklen. 15 Frauen benutzen einen Schwamm ein knappes Jahr lang. Acht Frauen haben ihn länger als ein Jahr, geben jedoch zumeist an, ihn nur eingeschränkt zu tragen (nur nachts/nur zuhause etc.).

Bei der Reinigung der Schwämme herrscht eine große Übereinkunft. Der größte Teil der Frauen (63) hält sich an die Empfehlungen aus dem Anleitungsblatt. Sie reinigen die Schwämme unter fließendem Wasser und legen sie nach der Blutung über Nacht in Essigwasser. Fünfzehn Frauen verzichten auf Essig und waschen den Schwamm nur mit Wasser aus. Zwei Frauen kochen ihn aus, was unserer Erfahrung nach den Schwamm allerdings sehr hart macht, und eine Frau wäscht ihn mit Seife aus.

Bei der Aufbewahrung der Schwämme greifen die meisten nach einem Stoffbeutel/Waschhandschuh (43), gefolgt von Glas (10) und Schrank (8), die anderen Frauen variieren mit Papier- oder Plastiktüten, Döschen usw.

Bild von Kulmine

Da das Gesundheitsamt unterstellte, Schwämme seien unhygienisch und gesundheitsschädigend, war für uns die Frage nach aufgetretenen Vaginalinfektionen während der Benutzung von Schwämmen am spannendsten. 55 Frauen hatten keine Infektion in der Zeit, seit sie Schwämme benutzen. 21 Frauen berichteten von einer Infektion, 15 von ihnen lehnen kategorisch einen Zusammenhang zwischen Schwamm und Infektion ab. Fünf Frauen können einen Zusammenhang nicht ausschließen, zwei davon benutzen inzwischen keine Schwämme mehr und hatten seitdem keine Infektion. Es gibt jedoch auch den umgekehrten Fall. So schreibt eine Frau:

„Mit meinem Frauenarzt habe ich auch schon mal über den Zusammenhang zwischen den früheren häufigen Vaginalinfektionen und der Besserung, seitdem ich die Schwämmchen benutze, gesprochen. Er meinte, dass er sich gut vorstellen könne, dass die Schwämmchen sich positiv auswirken.“

Zum Schluss fragten wir nach den Vorteilen, die Frauen im Vergleich mit anderen Methoden sehen. Wir gaben vier Möglichkeiten vor: 72 Frauen bestätigen, dass Schwämme nicht drücken und die Vagina nicht austrocknen wie beispielsweise Tampons. 55 Frauen fühlen keine Einschränkung der Bewegungsfreiheit wie bei Binden. 67 Frauen finden die niedrigen Kosten bemerkenswert und 58 Frauen bejahen die einfache Handhabung.

Zusätzlich ließen wir Platz auf dem Fragebogen zum Benennen anderer Vorteile. Viele Frauen nutzten dies, um für sie wichtige Punkte mitzuteilen. Allein 23 Frauen betonen, wie umweltfreundlich die Schwämme seien. Für weitere zehn Frauen ist es wichtig, dass es sich um ein Naturprodukt handelt. Für einige hat das Schwämmchen auch eine politische Dimension:

„Wir haben angefangen, uns Stoffbinden selbst zu nähen. In Kombination mit dem Schwämmchen sind wir unabhängig vom Gefasel der Werbung – always ultra und Konsorten. Günstiger, weil wiederverwendbar. Außerdem bringt es einen anderen Umgang mit unserem Bluten mit sich. Spannend, neu zu entdecken. Menspower!“

Bild und Titelbild von Aline Pape

Auch andere Frauen sahen den größten Nutzen für sich in einem veränderten Umgang mit der eigenen Körperlichkeit und einem neuen Zugang zu ihrem Menstruationsblut.

„Gutes Gefühl, mein eigenes Blut zu sehen, wie es beim Auswaschen zwischen meinen Fingern läuft.“

So benennen 25 Frauen den besseren Kontakt mit dem Blut bzw. mit der Blutmenge als wichtigem Schritt hin zu einem neuen Körpergefühl.

„Meine Hauptmotivation, das Schwämmchen zu benutzen, lag darin, meine Menstruation bewusst anders zu erleben: nämlich als eine Zeit besonderer Frauenkraft. Auch während ich arbeite und anscheinend „normal funktioniere“, bin ich schon über das regelmäßige Auswaschen meines Schwämmchens in ganz „fühlbarem“ Kontakt mit meinem Blut.“

Das Verhältnis zur eigenen Menstruation verändert sich, sie wird wieder zu einem wichtigen Teil des weiblichen Lebens.

„Das Blut zu sehen und zu spüren, hat mich wieder zum Stolz über die Menstruation gebracht.“

Einige Frauen beklagen, dass es nicht einfach ist, an einen Schwamm zu kommen. Wir empfehlen: Fragt nachdrücklich in der nächstgelegenen Apotheke oder im Bioladen nach, vielleicht nehmen sie es dann endlich mal in ihrem Sortiment auf. Ihr (oder die Apotheke/Bioladen) könnt natürlich auch die Schwämme direkt bei uns beziehen.

Klar ist, dass nur zufriedene Frauen unseren Fragebogen ausfüllten. Sicher ist ein Schwämmchen nicht für jede Frau eine gute Alternative zu ihrer sonstigen Methode. Aber es ist für viele sicher einen Versuch wert, auch wenn es nicht immer und überall leicht mit einem Schwamm ist. So schreibt eine Frau:

„Es nervt mich, dass es nur so wenig Toiletten mit Wasser gibt. Es ist immer etwas unangenehm, zum Auswaschen in den Vorraum wechseln zu müssen. Aber trotzdem finde ich die Schwämmchen jedenfalls die mit Abstand beste Methode der Monatshygiene!“

Clio-Redaktion
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